"Geboren von der Jungfrau Maria..." So heisst es im christlichen Glaubensbekenntnis. Aber können wir das (noch) glauben? Und MÜSSEN wir das überhaupt glauben, um christlich zu glauben? Wie ist das von der Bibel her wirklich zu beurteilen?
Liebe Leserin, lieber Leser
«Geboren von der Jungfrau Maria …»? - Wenn man eine Umfrage machen würde, welche "Dogmen" der Kirche oder des christlichen Glaubens heutigen Menschen Mühe machen, so würde die Vorstellung, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde, sicher weit oben rangieren. Akzeptiert wird sie vielleicht als Requisit der alljährlichen Weihnachtsbeschaulichkeit: Aber wirklich daran glauben?
Gehört diese "Lehre" aber wirklich notwendig zum christlichen Glauben dazu? Muss man an sie glauben? Ich möchte dies hinterfragen – zumindest ihr wörtliches Verständnis.
Im Neuen Testament wird nur im Matthäus- und im Lukasevangelium erzählt, dass Maria Jesus nicht von einem Mann, sondern «vom Heiligen Geist her» empfangen hat. Darin sollte sich die Verheissung aus dem Buch Jesaja erfüllen, wonach eine «junge Frau» den Friedenskönig zur Welt bringen wird. Dabei war im originalen hebräischen Alten Testament der Ausdruck noch zweideutig – junge Frauen waren eben in der Regel auch Jungfrau. Erst die griechische Übersetzung des Alten Testaments, an die das Neue Testament anknüpft, übersetzte das betreffende hebräische Wort mit dem eindeutigen griechischen Wort für "Jungfrau".
Hinzu kommt, dass im Markusevangelium, dem ältesten der vier Evangelien, von der jungfräulichen Empfängnis Jesu nichts steht – wie dieses Evangelium überhaupt erst mit der Taufe des längst erwachsenen Jesus durch Johannes den Täufer beginnt. Was dort nach der Taufe von Jesus geschieht, illustriert zugleich gut die Einheit von Jesus mit Gott – dass nichts zwischen diesem Menschen und Gott stand. Da heisst es nämlich, dass der Himmel sich aufgetan habe und der Heilige Geist auf Jesus herabgekommen sei, begleitet von einer Stimme aus dem Himmel: «Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen habe.» Dabei hat Gott Jesus wohl gerade darin als seinen «Sohn» erkannt, dass Jesus sich nicht zu gut und gerecht dafür war, sich taufen zu lassen wie alle anderen, sondern dass er, wie er selber sagte, «die Gerechtigkeit vollständig erfüllen» wollte.
Und das ist eigentlich damit gemeint, dass er der «Sohn Gottes» war: nicht eine quasi-biologische Abstammung von Gott, sondern dass er in vollkommener Einheit mit Gott handelte, dachte, redete. In diesem Sinne war er – einzigartig und wunderbar genug – von Gottes «Art» und «Wesen», Gott ähnlich, Gottes «Ebenbild». So wie Kinder eben ihren Eltern ähnlich sind – im Guten wie, bei Menschen, auch im Schlechten und Ungerechten.
Diese Einheit und Beziehung zwischen Jesus und Gott war derart rein und «direkt», derart unvermittelt, dass es tatsächlich so ist, wie wenn Jesus keinen irdischen Vater mehr gehabt hätte. Und darin besteht für mich die Wahrheit der Erzählung von seiner jungfräulichen Empfängnis: Man kann es fast nicht anders erzählen als so! Man muss diese Erzählung aber schon richtig verstehen. Denn im gleichen Sinn sollen ja auch wir – durch Jesus – «Kinder Gottes» werden, die wir ja ganz gewiss irdische Eltern haben.
Und dies ist auch der eigentliche Sinn von Weihnachten – weil Jesus genau dazu in die Welt gekommen ist. Diese besinnliche Zeit will uns verändern, will, dass wir Jesus ähnlich werden – dass wir Gott wieder ähnlich werden.
Und in diesem Sinne kann ich auch, ohne Floskeln zu wiederholen, Ihnen eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit wünschen: dass wir uns, mit Jesus, auf unseren Ursprung in Gott zurückbesinnen und ihm von Herzen dienen.
Ihr Pfr. Matthias Maywald
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